Hilfetelefon "Gewalt gegen Frauen"

03.05.2016

Beratung im Flüchtlingskontext – traumasensibel, mehrsprachig, rund um die Uhr

Immer häufiger gehen beim Hilfetelefon "Gewalt gegen Frauen" Anfragen im Zusammenhang mit geschlechtsspezifischen Gewalterfahrungen von geflüchteten Frauen ein. Besonders Fachkräfte und ehrenamtliche Helferinnen und Helfer in Flüchtlingsunterkünften fühlen sich mit der Thematik überfordert, haben keine Handlungssicherheit, da Interventionskonzepte oftmals fehlen. Wie sich das Hilfetelefon für die neuen Herausforderungen aufstellt, haben wir Christine Weyh, Fachbereichsleiterin beim Hilfetelefon, und eine Beraterin des Hilfetelefons gefragt.

So unterstützt das Hilfetelefon gewaltbetroffene Frauen, Fachkräfte und Ehrenamtliche im Flüchtlingskontext 

Geflüchtete Frauen gehören zur besonderen Zielgruppe des Hilfetelefons. Weshalb? 

Christine Weyh: Das Hilfetelefon richtet sich grundsätzlich an alle von Gewalt betroffenen Frauen, also auch an Frauen, die nach Deutschland geflüchtet sind. So schreibt es das Gesetz zum Hilfetelefon vor. Seit dem Start im März 2013 erreichen uns Anfragen von geflüchteten Frauen. Seit letztem Jahr steigen die Beratungsanfragen zum Thema Gewalt und Flucht, insbesondere durch Fachkräfte. Zunehmend rufen aber auch gewaltbetroffene Frauen aus dem Flüchtlingskontext selbst an. Die verstärkte Nutzung unseres Dolmetschdienstes ist auffällig in den letzten Monaten, insbesondere der Sprache Arabisch.

 

Wie hat das Hilfetelefon auf die aktuelle Situation reagiert?

Christine Weyh: Hinsichtlich der vielen Fragen, die in den Beratungen beim Hilfetelefon aufgetaucht sind, haben wir uns intensiv mit den Themen beschäftigt, die für geflüchtete Frauen relevant sind. Allen voran mit der Frage, welche Hilfestellung die Beraterinnen mit Blick auf die Umsetzung des Gewaltschutzes in den Aufnahmeeinrichtungen geben können. Da gibt es viele Unsicherheiten bei den Fachkräften und Helferinnen vor Ort. Weitere Themen sind die gesundheitliche Versorgung von gewaltbetroffenen Frauen oder beispielsweise die Besonderheiten in der Beratung von lesbischen, bisexuellen, transsexuellen, transgender und intersexuellen Frauen.
Beraterin: Wir stellen gleichzeitig  immer wieder fest, dass das Beratungskonzept des Hilfetelefons für alle Frauen Gültigkeit besitzt, auch für geflüchtete Frauen. Wir beraten grundsätzlich individuell, empathisch, ressourcenorientiert und empowernd – unabhängig von Religion, Hautfarbe oder Herkunft. Es braucht daher kein Umdenken, weil die Dynamiken und Strukturen, die hinter der Gewalt liegen, immer ähnlich sind.

 

Mit welchen Problemen und Schwierigkeiten wenden sich geflüchtete Frauen an das Hilfetelefon? 

Beraterin: In den meisten Fällen geht es um Häusliche Gewalt, aber auch um sexualisierte Übergriffe durch Männer in den Unterkünften. Auch Zwangsverheiratung war bereits Thema in der Beratung. Es melden sich auch viele Fachkräfte und ehrenamtliche Mitarbeiterinnen, die Fragen haben und wissen möchten, wie sie den Frauen helfen können.

 

Wie kann das Hilfetelefon geflüchteten Frauen in ihrer oftmals komplexen Situation helfen?

Christine Weyh: Das Hilfetelefon hat den enormen Vorteil, rund um die Uhr in 15 Sprachen zu beraten – und zwar gewalt- und traumasensibel. Denn nicht immer geht es um konkrete Fragestellungen. Oftmals ist ein offenes Ohr voller Wertschätzung ein erster Anstoß für die Betroffene, um über weitere Schritte nachzudenken. Auch die Beratung und Entlastung von Fachkräften ist ein wichtiger Teil der Arbeit des Hilfetelefons, ohne deren Engagement viele der Frauen keine Ansprechpartnerinnen vor Ort hätten, die sich ihrer Probleme annehmen und sie mit geeigneten Hilfsangeboten in Kontakt bringen.

Beraterin: Dank der Übersetzung können viele Frauen häufig zum ersten Mal äußern, was sie bedrückt und was sie möchten. Und auch die Fachkraft vor Ort hat so die Möglichkeit, die Frau zu verstehen und ihr die richtige Hilfe anzubieten. Es kann dadurch relativ schnell gehen, dass die Frau in ein Hilfesystem einsteigt.

 

Worin liegen die größten Herausforderungen in der Beratung mit geflüchteten Frauen? 

Beraterin: Die Frauen haben häufig viele Gewalterfahrungen gemacht, ihre Problemlagen sind sehr komplex. Sie treffen hier auf eine völlig andere Kultur, müssen mit einer fremden Sprache zurechtkommen, sich bei Behörden und Ämtern melden. Ihre rechtliche Situation ist oft nicht geklärt.
Christine Weyh: Bundesweit gibt es nicht genügend Beratungsstellen, die sowohl das Thema Asyl als auch Gewalt gegen Frauen abdecken. Eine Beratungsstelle zu finden, die die Sprache der Frau spricht und sich in ihrer Nähe befindet, ist ein häufiges Problem. Und auch die Unterbringung der Frauen in einem Frauenhaus ist nach wie vor mit großen Hürden verbunden. Insgesamt  fehlt es an ausreichend Dolmetscherinnen und Dolmetschern, die die Betroffene kontinuierlich begleiten können.

 

Was bedeutet das für die Weitervermittlung – eine der zentralen Aufgaben des Hilfetelefons?

Christine Weyh: Bei der Weitervermittlung haben wir uns für eine "Doppelstrategie" entschieden. Nach Möglichkeit stellen die Beraterinnen den Kontakt zu zwei fachspezifischen Beratungsstellen her, einer Asylberatungs- und einer Frauenberatungsstelle,  um die Ratsuchende bestmöglich zu unterstützen. Dafür haben wir unsere Adressdatenbank in den letzten Monaten erheblich erweitert.
Beraterin: Wir haben nicht die perfekte Lösung, können aber dabei unterstützen, dass ein kleines Netzwerk vor Ort entsteht.

 

Geflüchtete Frauen haben häufig über einen längeren Zeitraum Gewalt erlebt – in ihren Heimatländern, auf der Flucht, in den Unterkünften. Wie gehen Sie in der Beratung damit um?

Beraterin: Es ist eine hohe Sensibilität erforderlich in Gesprächen mit Menschen, die über einen längeren Zeitraum Gewalt erlebt haben. Bei Beratungen im Flüchtlingskontext achten wir daher noch stärker auf eine traumasensible Gesprächsführung und versuchen möglichst keinen zusätzlichen Stress aufzubauen, um eine Retraumatisierung zu vermeiden. Wir nehmen grundsätzlich nur das in Auftrag, was die Ratsuchende uns als Anliegen gibt. Wenn sie eine Frage hat zu ihrer Schwangerschaft oder zu ihrer aktuellen Situation in der Unterkunft, dann beraten wir dazu und fragen nicht nach anderen Erlebnissen.

 

Fallbeispiel

In einer Unterkunft wurde ein junges Mädchen von ihrem Vater sexuell missbraucht. Die ehrenamtliche Helferin, an die sich das Mädchen gewandt hatte, rief beim Hilfetelefon an, allerdings ohne genau zu wissen, was dem Mädchen passiert war. Erst durch die Übersetzung erfuhr sie von dem Übergriff. Das Mädchen hatte große Angst, was mit ihr passieren würde, wenn der Fall öffentlich würde, und machte sich Sorgen um den Asylantrag ihres Vaters. In der Beratung wurde sie darin bestärkt, dass es gut sei, darüber gesprochen zu haben. Und dass es in Ordnung sei, wenn sie auch für sich selbst Hilfe in Anspruch nehmen würde. Im Laufe des Gesprächs wurde gemeinsam mit dem Mädchen eine Lösung gefunden, die in einem ersten Schritt die getrennte Unterbringung von Vater und Tochter vorsah.

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