Hilfetelefon "Gewalt gegen Frauen"

15.05.2019

Drohende Zwangsheirat – Welche Unterstützung das Hilfetelefon bietet

Am 7. Februar 2005 wurde Hatun Sürücü in Berlin an einer Bushaltestelle mit drei Kopfschüssen getötet. Der Mörder war einer ihrer Brüder. Hatun Sürücü hatte sich aus ihrer Zwangsehe befreit, von den Traditionen ihrer türkisch-kurdischen Familie losgesagt und wollte ihr Leben selbst bestimmen. Dass auch in Deutschland Frauen zur Heirat gezwungen werden, war weiten Teilen der Öffentlichkeit vor diesem Mord nicht bewusst. Doch der sogenannte "Ehrenmord" an Hatun Sürücü hat viele Menschen berührt und seitdem wird über das Thema Zwangsehe auch in Deutschland intensiv diskutiert. Denn trotz des hierzulande geltenden Verbots von Zwangsehe und der Heirat Minderjähriger, sind davon jedes Jahr tausende Frauen betroffen.

Auch beim Hilfetelefon "Gewalt gegen Frauen" werden die Beraterinnen immer wieder mit dem Thema konfrontiert. "In mehr als 200 Gesprächen ging es im vergangenen Jahr um Zwangsheirat", berichtet Lysann Susanne Häusler, Fachbereichsleiterin beim Hilfetelefon. "Mehr als die Hälfte der Anruferinnen waren direkt betroffene Frauen." Meist seien es Teenager und junge Frauen, aber auch ältere würden zwangsverheiratet.

"Meine Eltern wollen ja nur das Beste für mich"

Mädchen und Frauen in dieser Situation falle es oft schwer, Hilfe zu suchen und anzunehmen, sagt Lysann Susanne Häusler. Denn es seien ja meist die nächsten Verwandten, die die Frauen unter Druck setzen. Immer wieder höre man den Satz ‚Meine Eltern wollen ja nur das Beste für mich.’ Manche Frauen versuchen sich zunächst in die Situation zu fügen, sagt Häusler. Oft ist der Auslöser für einen Anruf bei uns, dass die Eltern oder der vorgesehene Ehemann erwarten, dass das Mädchen ihre Ausbildung abbricht, um nur noch für die Familie da zu sein. Bildung ist für viele Frauen aber sehr wichtig."

Das war sie auch für Hatun Sürücü. Die Alleinerziehende hatte auf eigene Faust ihren Hauptschulabschluss nachgeholt. Vor ihrer Ermordung im Alter von 23 Jahren stand sie kurz vor dem Abschluss ihrer Ausbildung zur Elektroinstallateurin.

 

Zunächst gilt es, die Familiensituation zu klären

Bei einem Gespräch zu Zwangsheirat versuchen die Beraterinnen des Hilfetelefons erst einmal, die Familiensituation der Betroffenen zu klären. Wer hat die Zwangsverheiratung angeordnet – der eigene Vater oder ein Familienpatriarch im Heimatland der Eltern? Gab es Gewaltanwendung oder Drohung mit Gewalt? Wie stehen die Geschwister und andere Verwandte zur geplanten Heirat? Gibt es im Umfeld der jungen Frau Menschen, die ihr helfen können: in der Schule, im Sportverein, im Jugendzentrum?

Häufig melden sich auch Personen aus diesem Umfeld beim Hilfetelefon. "Sie wollen helfen, wissen aber nicht, wie sie auf die drohende Zwangsheirat reagieren sollen", sagt Lysann Susanne Häusler. "Wir versuchen dann, ihnen Handlungsmöglichkeiten aufzuzeigen." Gemeinsame Gespräche zwischen Eltern und Lehrkräften oder Trainerinnen und Trainern können die Situation oft verbessern. Manchen jungen Frauen wird nach einer Aussprache zum Beispiel gestattet, vor der Heirat zumindest die Schule oder die Ausbildung abzuschließen. Das schafft auch Zeit für weitere Vermittlungsversuche mit dem Ziel, dass die Frau selbst über ihr Leben entscheiden kann.

Besonders herausgefordert sind die Beraterinnen, wenn eine Reise ins Ausland kurz bevorsteht, während der die junge Frau verheiratet werden soll. In so einem Notfall kann es dann sein, dass sie an eine Schutzeinrichtung vermittelt wird, in der sie zumindest vorübergehend unterkommen kann. Für viele Betroffene ist es eine lange Auseinandersetzung mit vielen Ambivalenzen, endgültig mit der Familie zu brechen, berichtet Lysann Susanne Häusler.

 

Auch in scheinbar gut integrierten Familien kommt Zwangsheirat vor

Die wenigsten Familien, in denen die Eltern den Ehepartner für ihre Tochter aussuchen, sind so rigoros wie die von Hatun Sürücü. Und auch nicht alle jungen Männer wollen sich in die Familientradition fügen. "Das zeigen Projekte wie ‚Heroes – gegen Unterdrückung im Namen der Ehre’, in denen sich auch junge Männer aus Communities engagieren, in denen Zwangsheirat zur Tradition gehört", sagt Lysann Susanne Häusler. Weitere Aufklärungsarbeit sei aber notwendig. Denn selbst in Familien, die als gut integriert gelten, gäbe es Fälle von Zwangsheirat. "Das kommt teilweise aus dem nichts. Zum Beispiel wenn der im Herkunftsland lebende Großvater seinen Sohn anweist, er solle seine Tochter mit einem Mann aus der Großfamilie verheiraten."

Hatun Sürücü hatte sich gegen die Tradition und für ein selbstbestimmtes Leben entschieden. Doch den Kontakt zu ihrem Bruder, ihrem späteren Mörder, hatte sie nicht aufgeben wollen.

 

Das wichtigste ist, Betroffene ernst zu nehmen

Lysann Susanne Häusler ermutigt jeden, der mit jungen Frauen zu tun habe, die möglicherweise von Zwangsheirat betroffen seien, sich beim Hilfetelefon beraten zu lassen. Das Angebot ist täglich und rund um die Uhr erreichbar. Bei Bedarf können die Beraterinnen eine Dolmetscherin hinzuziehen oder an Unterstützungseinrichtungen vor Ort weitervermitteln. Wer nicht anrufen will oder kann, hat von 12.00 bis 20.00 Uhr auch die Möglichkeit, den Sofort-Chat in deutscher Sprache zu nutzen.
 
"Das Wichtigste ist, die betroffenen jungen Frauen ernst zu nehmen und ihnen zuzuhören", betont Häusler. "Auch wenn es für uns merkwürdig klingt, dass ein Mädchen mit einem Mann verheiratet werden soll, den der Großvater für sie ausgesucht hat. Auch wenn viele widersprüchliche Gefühle auftauchen und es scheinbar keine Lösung gibt. Es fällt ihnen oft schwer genug, darüber zu sprechen. Daher ist es wichtig, dass Frauen zu jeder Zeit die Möglichkeit haben eine empathische Beratung zu erhalten, damit sie in dieser schwierigen und oft gewaltsamen Situation nicht alleine sind."

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