Hilfetelefon "Gewalt gegen Frauen"

20.11.2019

"Er schlägt den Hund, um ihr weh zu tun" – Häusliche Gewalt nimmt viele Formen an

Beraterin Ella Wunsch und Fachbereichsleiterin Sabine Boldt berichten, wie das Hilfetelefon "Gewalt gegen Frauen" Frauen berät, die von häuslicher Gewalt betroffen sind. Dabei sind die Situationen der Anruferinnen sehr unterschiedlich. Pauschale Antworten lassen sich nur schwer finden. Auch Menschen aus dem sozialen Umfeld der Betroffenen können unterstützen.

Wenn eine Anruferin akut von Gewalt bedroht ist, muss es ganz schnell gehen. "Es kommt vor, dass wir hören, wie im Hintergrund ein Mann wütend schreit, Drohungen ausstößt und gegen die Tür hämmert, die die Frau hinter sich abgeschlossen hat", berichtet eine Beraterin des Hilfetelefons "Gewalt gegen Frauen". "Auch dann noch fällt es einigen Frauen schwer, sich an die Polizei zu wenden, und sie melden sich bei uns. In solchen akuten und sehr bedrohlichen Situationen können wir auch nur empfehlen, sofort die Polizei zu rufen."

Die Situationen, in denen sich Anruferinnen und Chat-Nutzerinnen beim Hilfetelefon melden, sind so vielschichtig wie das Leben. Selten verlaufen die Gespräche so dramatisch, dass  die Polizei verständigt werden muss. Doch häusliche Gewalt, also die Gewalt in Partnerschaften oder durch Ex-Partner, ist der häufigste Grund für eine Kontaktaufnahme. Fast zwei von drei Gesprächen drehen sich darum. Die Beraterinnen des Hilfetelefons sind auf diese anspruchsvollen Gespräche vorbereitet. Aber auch Menschen, die vermuten, dass jemand in ihrem Umfeld von häuslicher Gewalt betroffen ist, können helfen.

Täter geben sich nach außen besonders hilfsbereit

Etwa jede vierte Frau hat bereits Gewalt durch einen Partner erlebt. 2017 wurden nach Angaben des Bundeskriminalamtes in Deutschland fast 115.000 Fälle gemeldet, in denen Frauen von häuslicher Gewalt betroffen waren. In 147 Fällen wurden Frauen von Partnern oder Ex-Partnern getötet. Doch häusliche Gewalt kann viele Formen annehmen. Frauen werden psychisch gequält, erleben sexuelle Gewalt, körperliche Gewalt, werden finanziell ausgebeutet, haben keinen Zugriff auf das Familieneinkommen, werden sozial isoliert, oder  digital überwacht. Häufig kommt es zu schweren Angriffen, die auch sichtbare Spuren hinterlassen.

Um einer drohenden Strafverfolgung zu entgehen, vermeiden manche Täter sichtbare Verletzungen. "Eine Frau hat mir erzählt, dass ihr Mann sie früher geschlagen habe", berichtet die Beraterin, die sich bei der Arbeit Ella Wunsch nennt. "Doch aus Furcht vor einer Anzeige oder einer Wegweisung änderte er seine Strategie. Er ging dazu über, den von ihr geliebten Hund zu prügeln, um sie zu verletzen. Oder bestrafte sie, in dem er den Strom oder die Heizung abstellte."

Häusliche Gewalt ist für Außenstehende selten offensichtlich. "Oft bemühen sich die Täter, nach außen hin als besonders freundlich, hilfsbereit und sympathisch zu erscheinen. Freunde, Bekannte oder Nachbarn können sich dann nur schwer vorstellen, dass es zu Hause zu gewalttätigen Auseinandersetzungen kommt", sagt Sabine Boldt, Fachbereichsleiterin beim Hilfetelefon "Gewalt gegen Frauen". "Ein Indiz kann sein, dass der Täter öffentlich schlecht über seine Partnerin redet oder sie öffentlich demütigt."

Oft ist finanzielle Abhängigkeit ein Grund zu bleiben

Viele Frauen wollen nicht über das Erlebte sprechen. Aus Scham oder sogar, weil sie ihren Mann in Schutz nehmen wollen, streiten sie ab, Gewalt erfahren zu haben. "Die Betroffenen haben ambivalente Gefühle", berichtet Beraterin Ella Wunsch. "Denn oft lieben sie ihren Mann oder wünschen sich die Zeit zurück, in der die Welt für sie noch in Ordnung war. Auf der anderen Seite wollen sie natürlich keine Gewalt mehr erleben." Auch wenn die Gefühle nicht ambivalent sind und die Frau ihren Partner verlassen will, kann es andere Gründe geben, warum sie bleibt: finanzielle Abhängigkeit, Angst vor dem Verlust der Wohnung, der Arbeit, oder die Furcht, bei einer Trennung  noch massiverer Gewalt ausgesetzt zu sein. Darüber hinaus  besteht die Sorge um den Schutz der Kinder.

Nicht alle Frauen wissen, dass die Polizei gewalttätige Männer der Wohnung verweisen kann – selbst, wenn er der alleinige Mieter oder Besitzer ist. Auch was Frauenhäuser und andere Hilfs- und Unterstützungseinrichtungen tun können, um ihnen beim Übergang in ein neues Leben zu helfen, ist oft nicht bekannt.

Das Hilfetelefon "Gewalt gegen Frauen" beantwortet Betroffenen und Menschen aus ihrem Umfeld Fragen zum Thema häusliche Gewalt. "Wir führen viele Gespräche zu den oftmals ambivalenten Gefühlen und helfen, das Erlebte und die Ängste zu sortieren und einzuordnen, ohne zu einer Entscheidung  zu drängen", erklärt Sabine Boldt den Ansatz des Hilfetelefons. "Wir helfen ihnen dabei, herauszufinden, was für sie selbst machbar und das Beste ist."

Viele Betroffene geraten in die soziale Isolation

Wie ist zu erkennen, ob eine Frau von häuslicher Gewalt betroffen ist? Den Mitarbeiterinnen des Hilfetelefons zufolge gibt es darauf keine pauschale Antwort. Wiederholt auftretende blaue Flecken und andere sichtbare Verletzungen können ein Indiz für körperliche Gewalt sein. Psychische und andere Formen der Gewalt hinterlassen zwar keine sichtbaren Spuren, beeinflussen aber das Verhalten. Die psychische Belastung äußert sich bei jeder Frau anders. "Häufig zu beobachten ist, dass sich die Frauen immer stärker aus dem sozialen Leben zurückziehen", sagt Sabine Boldt.

Wer mit einer Frau spricht, die vielleicht häusliche Gewalt erlebt, sollte beharrlich nachfragen, genau zuhören, nicht verurteilen und nicht unbedingt sofort eine Lösung parat haben. Ein vorschnelles "Dann verlass ihn doch einfach!" führe vielleicht nur dazu, dass die Frau das Thema künftig meide, warnt Ella Wunsch. Denn "einfach" sei die Situation für die Betroffene nie. Manchmal sei es besser, sie zunächst zu kleinen Schritten zu ermutigen, sagt die Beraterin. "Wenn die Frau zum Beispiel finanziell abhängig von ihrem Mann ist, kann ein erster Schritt sein, dass sie sich ein eigenes Konto zulegt und sich dann eine Arbeit sucht, wenn es ihr möglich ist."

Die Hoffnung, den Täter ändern zu können, ist eine Illusion

Wer eine Betroffene unterstützen will, sollte im Gespräch offen sein für die vielen unterschiedlichen Gefühle und sich eindeutig positionieren, dass die erlebte Gewalt inakzeptabel ist. Oft würden Frauen an dem Wunsch festhalten, sie könnten das gewalttätige Verhalten des Partners verändern. "Aber das ist eine Illusion, die aufgegeben werden muss", betont Sabine Boldt. Es liege nicht in den Händen der Frau, den Mann zu ändern. Auch wenn es manchen Tätern gelinge, der Frau einzureden, sie sei schuld an seinem Verhalten.

Im Gespräch mit einer Betroffenen können Menschen aus ihrem Umfeld auch auf die Möglichkeit hinweisen, sich an die Beraterinnen des Hilfetelefons zu wenden. "Wir werten nicht und stellen keine Fragen, die die Anonymität verletzen würden", sagt Ella Wunsch. "Für viele Frauen, mit denen ich spreche, ist es eine große Erleichterung, mit einer Außenstehenden zu reden, die hilft, das Erlebte richtig einzuordnen. Anhaltende Beleidigungen, körperliche Gewalt  oder sexuelle Gewalt sind keine Ausrutscher, sondern strafbare Handlungen."

Foto: Szene aus der Miniatur-Aktion.

Seite empfehlen: