Hilfetelefon "Gewalt gegen Frauen"

Erfolgreich im Kampf gegen digitale Gewalt

Der Frauennotruf Frankfurt hilft Betroffenen, sich gegen Übergriffe im Netz zu wehren

Laut einer Studie der Breitbandkommission für digitale Entwicklung der Vereinten Nationen von 2015 sind Frauen 27-mal häufiger von digitaler Gewalt betroffen als Männer. Wenngleich jüngere Menschen digitale Medien intensiver nutzen, sind Frauen aller Altersgruppen von Angriffen betroffen.

"Wir stellen fest, dass Frauen im Alter von 58 Jahren ebenso Formen digitaler Gewalt erleben wie 18- oder 38-Jährige", berichtet Angela Wagner. Die Leiterin der Beratungsstelle Frauennotruf Frankfurt (Main) befasst sich seit vielen Jahren mit Phänomenen wie Cyberstalking, Doxing oder Hate speech*. "Das sind alles Formen digitaler Gewalt, die in unserem Beratungsalltag eine große Rolle spielen", sagt Angela Wagner. "Unsere wichtigste Botschaft an die Betroffenen ist dabei: 'Sie können sich wehren und schützen!'"

Die richtige Hilfe beginnt mit der Sprache

Für Angela Wagner beginnt der Kampf gegen Bedrohungen und Gewalt im Internet mit der Sprache: "Wir haben den Begriff digitale Gewalt geprägt, da Umschreibungen wie etwa Cyberharassment nicht klar definiert sind und nicht alle wissen, was genau damit gemeint ist. Im konkreten Fall ziehen wir Wörter wie Bedrohung, Nötigung, Beleidigung, Ausspähen oder Nachstellen vor. Denn das sind Straftatbestände, gegen die man juristisch vorgehen kann." Oft geht es dabei um Formen von Gewalt, die es auch schon vor den Zeiten des Internets gab. Der eigenen Frau nachzuspionieren war auch früher schon möglich. Doch digitale Technik wie Spyware macht dies heutzutage wesentlich leichter. Dabei handelt es sich um Computerprogramme, die heimlich auf dem Smartphone der Betroffenen installiert werden und unter anderem deren Aufenthaltsort an das Handy des Täters senden. Auch Erpressung, beispielsweise mit intimen Fotos, ist technisch einfacher geworden: Bilder lassen sich digital viel schneller verbreiten als analoge Aufnahmen.

Digitale Gewalt geht häufig mit anderen Formen der Gewalt einher

38 Fälle von digitaler Gewalt verzeichneten die Beraterinnen des Frauennotrufs Frankfurt im vergangenen Jahr – etwas mehr als in den Jahren davor, erklärt Wagner: "Das klingt vielleicht nicht viel. Aber es handelt sich um gravierende Fälle, zum Beispiel Erpressung und Nötigung." Auch gehe digitale Gewalt häufig mit anderen Gewaltformen einher: "Oft werden die Frauen nicht nur per Spyware überwacht, sondern erleben auch körperliche Gewalt." Statistisch werde ein solcher Fall beim Frauennotruf dann unter Körperverletzung erfasst, da das als die gravierendere Tat wahrgenommen wird.

Die Leiterin des Frauennotrufs Frankfurt hat oft erlebt, dass sich Frauen nicht darüber im Klaren sind, dass das, was ihnen widerfährt, strafbar ist. Doch das unerlaubte Ausspähen von Bewegungsdaten ist ebenso eine Straftat wie der Erpressungsversuch mit Intimfotos oder der Diebstahl von Passwörtern, um Mails oder Chatnachrichten zu lesen. Wendet sich eine von digitaler Gewalt betroffene Frau an den Notruf, empfehlen die Beraterinnen daher in vielen Fällen, eine Anwältin oder einen Anwalt hinzuzuziehen, deren Mitwirkung oftmals zu schnellen Erfolgen führt.

Gefragt sind juristische und technische Unterstützung

Ein Fall, der im Beratungsalltag immer wieder vorkommt, ist die Erpressung mit Intimfotos, so Wagner. Tut die Frau nicht, was der Täter will, droht er damit, die Fotos an Eltern, Mitschülerinnen oder Kollegen zu verschicken. Alleine kann die Betroffene dem Erpresser nicht Einhalt gebieten. Aber ein anwaltlicher Brief, der die Herausgabe der Fotos fordert – versehen mit dem Hinweis auf mögliche strafrechtliche Konsequenzen – reicht in vielen Fällen aus, um den Täter zum Einlenken zu bewegen.

Neben juristischer ist allerdings auch technische Hilfe gefragt. Etwa, wenn ein Täter Spyware auf dem Handy der Partnerin installiert hat. Um sich vor einem gewalttätigen Ex-Partner zu schützen, sollten deshalb Frauen überprüfen, ob eine solche Software auf ihr Handy geladen wurde, rät Angela Wagner. "Wenn eine Frau nicht weiß, wie das geht, helfen wir gerne weiter."

Großes Interesse an Infomaterial 

Früher als andere Beratungsstellen hat sich der Frauennotruf Frankfurt dem Thema angenommen. 2011 erschien erstmals der Flyer "Digitale Welten, digitale Medien, digitale Gewalt", der 2017 neu aufgelegt wurde. "Die Beratungsstelle Frauennotruf hat mit der Broschüre den Bedarf getroffen. Sie ist bundesweit stark nachgefragt", sagt Gabriele Wenner, die Leiterin des Frauenreferats der Stadt Frankfurt (Main). Ihr Referat habe die Publikation unterstützt, da die Bedeutung digitaler Medien stetig zunehme und damit auch die Formen und das Ausmaß digitaler Gewalt.

Das Schlimmste sei für viele Betroffene das Gefühl, dem Täter ausgeliefert zu sein, und die Angst, nichts gegen die Bedrohung im Netz tun zu können, berichtet Wagner. Viele Frauen würden zu lange abwarten und hoffen, dass der Täter irgendwann von ihnen ablässt. "Doch uns ist kein Fall bekannt, in dem das so eingetreten ist", betont sie. "Wir wollen, dass alle Frauen wissen, wie man sich wehren kann, wenn man mit digitaler Gewalt konfrontiert wird."

Den Flyer "Digitale Welten, digitale Medien, digitale Gewalt" können Sie hier herunterladen und auf der Webseite des Frauennotrufs Frankfurt bestellen:

Digitale Gewalt – Digitale Welten – Digitale Medien, Neuauflage 2017
Hrsg. Bundesverband Frauenberatungsstellen und Frauennotrufe Frauen gegen Gewalt e.V. (bff) – PDF, 659 KB

www.frauennotruf-frankfurt.de

 

* Aus dem Glossar des Flyers:

  • Cyberharassment ("Cyberbelästigung") ist das Nutzen des Internets, um unaufgefordert in Interaktion mit einer Person zu treten, oft auch um Beleidigungen, Beschimpfungen und Drohungen auszusprechen. Dies geschieht beispielsweise durch: Versenden zahlreicher E-Mails oder Messenger-Nachrichten, Posts und Kommentare in sozialen Netzwerken.
  • Cyberstalking ist das Nachstellen, Belästigen, Einschüchtern und Bedrohen einer Person mittels digitaler Medien und technischer Hilfsmittel.
  • Doxing ist das internetbasierte Zusammentragen persönlicher Daten und anschließende Veröffentlichung dieser Daten mit dem Ziel, die Betroffene bloßzustellen oder einzuschüchtern.
  • Hatespeech ("Hassrede") ist eine Form des Cyberharassment mit der gezielt Menschen angegriffen und abgewertet werden und mit der zu Hass und Gewalt aufgerufen wird. Hatespeech baut oft auf sexistischen und rassistischen Vorurteilen auf.

Foto: ©adobestock

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