Hilfetelefon "Gewalt gegen Frauen"

03.05.2016

"Für viele sind wir die letzte Station auf einem langen Leidensweg" – Virginia Wangare Greiner zur Situation geflüchteter Frauen aus Afrika

Als Geschäftsführerin von "Maisha e.V. – Afrikanische Frauen in Deutschland" steht Virginia Wangare Greiner täglich in Kontakt mit gewaltbetroffenen Frauen aus afrikanischen Ländern. Viele von ihnen sind aus ihrer Heimat geflüchtet und kommen stark traumatisiert in Deutschland an.

Wenn es um geflüchtete Menschen geht, denken viele zunächst an Herkunftsländer wie Syrien und Afghanistan. Dabei kommt die drittgrößte Gruppe der Flüchtlinge aus Afrika. Unter ihnen sind viele Frauen und Mädchen – allen voran aus Eritrea und Somalia – die oft erschütternde Geschichten mitbringen. Unser Verein "Maisha e.V. – Afrikanische Frauen in Deutschland" begleitet und stärkt diese Frauen und unterstützt sie dabei, sich in ihre neue Heimat zu integrieren. Wir haben unsere Arbeit 1996 aufgenommen, weil wir feststellen mussten, dass es gerade für afrikanische Frauen einen immensen Beratungsbedarf gibt. Heute kommen Frauen aus verschiedensten Ländern Afrikas zu uns, viele von ihnen sind geflüchtet. Wir beraten sie zu unterschiedlichen Themen und bieten auch Unterstützung bei ganz praktischen Herausforderungen wie Wohnungssuche und Asylantrag.
 

Frauen fliehen vor den verschiedensten Arten von Gewalt

In unserer täglichen Arbeit begegnen wir Geflüchteten wie zum Beispiel einem Mädchen aus Somalia, das Opfer von Genitalverstümmelung wurde: Ihre Schamlippen wurden verstümmelt und zugenäht. Auf ihrer Flucht wurde sie zudem mehrfach vergewaltigt. Jeder Toilettengang bedeutet für sie große Schmerzen – doch lange wusste niemand von ihrem Leid. Nach ihrer Ankunft in Deutschland wurde sie in einem Heim untergebracht, in dem auffiel, dass es dem Mädchen nicht gut ging. Man brachte sie zu einem Arzt, der die Genitalverstümmelung feststellte. Um dem Mädchen weitere Hilfe und Gespräche zu ermöglichen, stellte er den Kontakt zu Maisha e.V. her.
 
Wir helfen Frauen und Mädchen wie ihr, die gezwungen sind, ihre Heimat und ihr gewohntes Umfeld zu verlassen, um Genitalverstümmelung, Vergewaltigung, Zwangsheirat, Frauenhandel oder Häuslicher Gewalt zu entkommen. Das Leid, das diese Frauen bereits in ihren Heimatländern und später auf der Flucht erfahren haben, ist schwer in Worte zu fassen. Viele der Frauen, die nach ihrer Ankunft in Deutschland zu uns kommen, berichten auch hier immer wieder von sexuellen Übergriffen und Gewalterfahrungen in Notunterkünften und ihrem Umfeld. Sie benötigen Hilfe, Beratung und Schutz.
 

Oft sind wir die letzte Station auf einem langen Leidensweg

Viele geflüchtete Frauen können ihre Traumata nicht alleine bewältigen. Maisha e.V. steht in Kontakt zu Notunterkünften, Einrichtungen der Gesundheitsprävention und Krankenhäusern, um möglichst viele Frauen zu erreichen. Manche Frauen, die zu uns kommen, folgen dem Rat einer Freundin oder werden von anderen Einrichtungen wie beispielsweise Arztpraxen an uns vermittelt. Auch das Hilfetelefon "Gewalt gegen Frauen" vermittelt Anruferinnen an unseren Verein. Oft sind wir die letzte Station auf einem langen Leidensweg – die letzte Hoffnung für diejenigen, denen an anderer Stelle nicht geholfen werden kann. Wir bringen die Frauen an sicheren Orten unter und bieten ihnen unter anderem professionelle psychosoziale Beratung in den Räumen von Maisha e.V.. Wir begleiten sie auch bei Behördengängen, beispielsweise um eine Anzeige bei der Polizei aufzugeben – sofern die Frauen sich für diesen Weg entscheiden. Darüber hinaus können die Frauen an unseren Orientierungskursen teilnehmen. Wir helfen ihnen dabei, sich in ihrer neuen Umgebung zurechtzufinden, unternehmen mit ihnen Stadtrundgänge und zeigen ihnen, welche Angebote sie vor Ort nutzen können. Mit Freizeitaktivitäten wie gemeinsamen Stricken unterstützen wir sie darin, ihrem Alltag feste Strukturen zu geben, um das Erlebte besser zu bewältigen.

 

"Darf ich in meiner Sprache sprechen?" – eine der häufigsten Fragen in der Beratung

Aus Scham, Unwissenheit und Angst sprechen viele Frauen, die uns begegnen, nur sehr zögerlich über das, was ihnen passiert ist. Ihnen mangelt es an Orientierung in ihrer neuen Umgebung und an sozialen Netzwerken, die sie auffangen und in ihrer Situation unterstützen. Aufgrund der Sprachbarriere trauen sich viele von Gewalt betroffene Frauen nicht, sich jemandem außerhalb ihres Umfelds anzuvertrauen, nicht einmal bei der Beantragung ihres Asyls. Wir haben daher ein umfassendes lokales Netzwerk an Dolmetscherinnen aufgebaut, um in die verschiedenen afrikanischen Sprachen zu übersetzen. Die Möglichkeit, in ihrer Muttersprache zu sprechen, macht es den Frauen gerade in vermeintlich aussichtlosen Situationen einfacher, Worte für das Erlebte zu finden. Häufig zeigt sich in einem solchen Gespräch, dass die geflüchtete Frau eine Therapie, Beratung und eine weiterführende Begleitung benötigt, um ihre Traumata zu bewältigen. Aber indem wir geflüchteten Frauen aus Afrika die Möglichkeit geben, sich in einem geschützten Rahmen in ihrer Sprache auszudrücken, begleiten wir sie auf ihrem ersten Schritt in ein selbstbestimmtes, gewaltfreies Leben in Deutschland – davon bin ich überzeugt.

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