Hilfetelefon "Gewalt gegen Frauen"

6. März 2018

Partnergewalt endet nicht im Alter – "Ältere Betroffene haben spezifische Unterstützungsbedarfe"

Gewalt in Partnerschaften wird häufig als Problem jüngerer Frauen gesehen. Partnergewalt endet jedoch nicht im Alter – oft tritt sie auch erst im höheren Alter auf. Professor Dr. Thomas Görgen von der Deutschen Hochschule der Polizei in Münster hat das Phänomen untersucht und in zahlreichen Studien und Forschungsprojekten analysiert. Der Kriminologe kommt zu dem Schluss, dass Unterstützungseinrichtungen gewaltbetroffene ältere Frauen bisher kaum in den Blick genommen haben. Aber gerade sie benötigen bedarfsgerechte Hilfsangebote. Auch dem sozialen, privaten wie professionellen Umfeld spricht der Experte im Interview mit dem Hilfetelefon "Gewalt gegen Frauen" eine besondere Bedeutung zu.

Gewalt in Ehen und Partnerschaften ist ein Phänomen, das mit dem Älterwerden nicht einfach verschwindet. Wie schätzen Sie das Problem ein?

Ja, Gewalt in Partnerschaften hört mit dem Älterwerden nicht von selbst auf. Die gute Nachricht immerhin ist, dass Gewalt in Partnerschaften im Alter offenbar seltener wird. Von den rund 133.000 Opfern von Partnerschaftsgewalt, die die Polizei in Deutschland im Jahr 2016 registrierte, waren weniger als 5.000 in der Altersgruppe ab 60 Jahre – unter ihnen übrigens mit rund 1.500 Männern ein deutlich höherer Anteil als bei den Altersgruppen bis 40 Jahre. Auch sogenannte Dunkelfeldstudien, also Befragungen in der Bevölkerung zu eigenen Erfahrungen als von Gewalt Betroffene, weisen darauf hin, dass Gewalt in Partnerschaften im mittleren und höheren Erwachsenenalter zurückgeht. Das ist insofern wenig erstaunlich, als Gewalt insgesamt – auch außerhalb von Partnerschaften – in der Jugend und bei jungen Erwachsenen häufiger vorkommt als im Alter. Der einzelnen älteren Person hilft es natürlich nicht, dass das, was sie erlebt, bei Jüngeren noch öfter vorkommt.

Es ist wichtig, zunächst einmal zu realisieren, dass Gewalt sich bis ins Alter hinein fortsetzen oder auch dort erstmals auftreten kann – und dass ältere Betroffene möglicherweise spezifische Unterstützungsbedarfe haben.

 

Studien weisen darauf hin, dass Gewalterfahrungen älterer Frauen in Partnerschaften viele Gemeinsamkeiten mit denen jüngerer Frauen aufweisen. Gibt es zudem auch alters- und generationsspezifische Merkmale? Und wie definieren Sie beziehungsweise wie definiert die Forschung hier?

Ab wann man jemanden in der Forschung als alt definiert, ist letztlich immer bis zu einem gewissen Grad eine willkürliche Setzung. Aber unabhängig davon, ob wir nun den Blick auf die Phase ab dem 60. oder ab dem 65. Lebensjahr richten, können wir sagen: Es gibt hier sowohl Fälle von Gewalt, die sich aus dem jüngeren und mittleren Erwachsenenalter bis ins höhere und hohe Alter hinein fortsetzen als auch solche Gewaltkonstellationen, die sich erst im Alter entwickeln oder dort hinsichtlich der Intensität der Gewalt eskalieren. In den letzten Jahrzehnten ist hierzulande eine recht vielfältige Hilfe-Infrastruktur für weibliche Opfer von Gewalt in Partnerschaften entstanden, mit neuen Verfahrensweisen und neuen rechtlichen Instrumenten. Es handelt sich um eine Infrastruktur, die von älteren Opfern von Partnergewalt insgesamt nur selten in Anspruch genommen wird, die offenbar primär jüngere Frauen im Blick hat und auf spezifische Bedürfnisse älterer Opfer nur wenig ausgerichtet ist.
 
In Bezug auf Gewalt in Partnerschaften älterer Menschen gibt es Belege dafür, dass sich darunter auch langjährige und systematische Formen schwerwiegender Misshandlung, Demütigung und Kontrolle von Frauen durch ihre männlichen Partner finden. Zugleich gibt es – in Bezug auf sexuelle Gewalt wie auf Gewalt allgemein – Hinweise auf besondere Offenbarungshemmungen im Alter, welche dazu beitragen dürften, dass eine Gewaltbeziehung sich dauerhaft und ins Alter hinein etabliert und verfestigt. Diese sind vor dem Hintergrund in der älteren Generation noch sehr starker geschlechtsbezogener Rollenverteilungen zu sehen; Männer dominieren diese Beziehungen auch ökonomisch; die Vorstellung "ehelicher Pflichten", zu denen auch und besonders sexuelle Verfügbarkeit gehört, ist in der jetzt älteren Generation noch präsent. Das höhere Alter geht zudem mit gesundheitlichen und funktionalen Einschränkungen und somit einer erhöhten Verletzlichkeit einher.

 

In den Handlungsempfehlungen, die Sie aus dem BMFSFJ-Projekt "Sicher leben im Alter" entwickelt haben, betonen Sie, dass gewaltbetroffene ältere Frauen mit Blick auf Unterstützungsangebote anders angesprochen werden müssen – wie?

Wir sind zu dem Schluss gekommen, dass niedrigschwellige und thematisch eher offene – das heißt nicht unbedingt auf Partnergewalt beschränkte – Beratungsangebote gut geeignet sein können, ältere weibliche Gewaltopfer zu erreichen. Zudem hat sich gezeigt, dass es sinnvoll ist, auch länger zurückliegende Gewalterfahrungen zum Thema zu machen. Das erleichtert den Einstieg in die Auseinandersetzung auch mit aktuellen Gewalterfahrungen; für viele aktuell von Partnergewalt betroffene ältere Frauen stehen diese Erfahrungen in einer lebensgeschichtlichen Kontinuität und sollten auch so bearbeitet werden.

 

Welche Rolle spielt das soziale Umfeld älterer Frauen – Familienangehörige, Bekannte, aber auch Ärzte – dabei, diesen Frauen aus der Gewalt zu helfen?

Was für die meisten Gewaltkonstellationen Bedeutung hat, gilt auch hier: Soziale Unterstützung – die privater wie professioneller Art sein kann – ist ein wichtiger Faktor, der Frauen vor Gewalterfahrungen schützen und, wenn sie doch Opfer geworden sind, bei der Bewältigung dieser Erfahrungen hilfreich sein kann. Ärztinnen und Ärzten kann hier sicherlich vor dem Hintergrund des in der Regel vertrauensvollen Charakters der Beziehung zur Patientin und des Umstands, dass Gewaltopfer häufig ärztliche Hilfe benötigen und sie jedenfalls teilweise auch in Anspruch nehmen, besondere Bedeutung zukommen.

 

Wie müssen Unterstützungs- und Beratungsangebote gestaltet sein, damit sie von gewaltbetroffenen älteren Frauen auch angenommen werden? Warum ist das Hilfetelefon "Gewalt gegen Frauen" gerade auch für ältere Betroffene eine wertvolle Anlaufstelle?

Ein niedrigschwelliger, offener Zugang ist wichtig. Den bietet das Hilfetelefon ganz sicher – rund um die Uhr erreichbar, in einer ständig wachsenden Zahl von Sprachen, anonym und vertraulich.

Prof. Dr. Thomas Görgen

Dr. Thomas Görgen ist Professor für Kriminologie und Leiter des Fachgebietes "Kriminologie und interdisziplinäre Kriminalprävention" an der Deutschen Hochschule der Polizei.

Weitere Informationen: www.dhpol.de/de/hochschule/Departments/goergen.php

 

Foto © Thomas Görgen

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