Hilfetelefon "Gewalt gegen Frauen"

24.06.2020

Platzverweis für Gewalt – Sportverbände und -vereine engagieren sich zunehmend gegen sexuelle Gewalt

Gewalt gegen Frauen kommt in allen Bereichen des gesellschaftlichen Lebens vor. Auch die rund 90.000 Sportvereine in Deutschland sind davon nicht frei. Die Sportverbände setzen sich zunehmend für Gewaltprävention ein und dafür, dass im Fall eines Übergriffs nicht weggeschaut wird. Als Jugendorganisation des Deutschen Olympischen Sportbunds (DOSB) engagiert sich insbesondere die Deutsche Sportjugend (dsj) seit Jahren im Kampf gegen sexuellen Missbrauch. Doch auch im Erwachsenenbereich gibt es Fälle von sexualisierter Gewalt. Zwar wird dagegen sowohl auf organisatorischer Ebene als auch mit konkreten Initiativen vorgegangen, doch viele Akteurinnen und Akteure des Sports sind immer noch nicht ausreichend für das Thema sensibilisiert.

"Vorbeugen, Aufklären, Hinsehen, Handeln"

Schon seit vielen Jahren beschäftigt sich der DOSB mit dem Thema. 2010 etwa formulierte er mit der Münchner "Erklärung des deutschen Sports zur Prävention und zum Schutz vor sexualisierter Gewalt" das Prinzip "Vorbeugen und Aufklären, Hinsehen und Handeln!" als Selbstverpflichtung für die Mitgliedsverbände. 2016 lieferte die vom DOSB unterstützte Studie "Safe Sport" erstmals für Deutschland empirische Ergebnisse über Erfahrungen mit sexualisierter Gewalt im Sport. Zugrunde gelegt wurde hier ein weites Begriffsverständnis: Es schließt Formen wie verbale Übergriffe, sexualisierte Handlungen ohne Körperkontakt und sexualisierte Gewalt mit Körperkontakt mit ein. Rund 1.800 Kaderathletinnen und -athleten hatten sich an der Online-Befragung beteiligt, die von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern der Deutschen Sporthochschule Köln und des Universitätsklinikums Ulm erarbeitet wurde.

Sexualisierte Gewalt auch im Sport weit verbreitet

Eines der wichtigsten Ergebnisse der Studie: Etwa ein Drittel der befragten Sportlerinnen und Sportler gab an, bereits einmal sexualisierte Gewalt erfahren zu haben. "Auch wenn die Zahl besagt, dass das Ausmaß an sexualisierter Gewalt im Spitzensport ebenso groß ist wie in der Allgemeinbevölkerung, ist das ganz sicher kein Anlass zur Zufriedenheit", sagt Dr. Petra Tzschoppe, DOSB-Vizepräsidentin Frauen und Gleichstellung. "Es ist eine alarmierende Zahl, jeder einzelne Fall ist einer zu viel und fordert den Sport, solch inakzeptable Verhaltensweisen aus der Tabuzone zu holen, sie klar zu benennen und entsprechend zu handeln."

Nur jeder zweite Verein sieht Gewalt als relevantes Thema

Die Studie fand heraus, dass fast zwei Drittel der Sportlerinnen und Sportler bereits vor ihrer Volljährigkeit von sexualisierter Gewalt betroffen waren. Doch auch im Erwachsenenbereich geschehen viele Übergriffe – mehr als ein Drittel der Befragten war erstmals im Alter über 18 Jahren von sexualisierter Gewalt betroffen. "Deshalb ist ganz klar der Schutz vor sexualisierter Gewalt in der Verantwortung des gesamten DOSB mit seinen 100 Mitgliedsorganisationen, und dazu gehören auch unsere rund 90.000 Vereine", sagt Tzschoppe. Im Rahmen der Befragung zum Sportentwicklungsbericht kam allerdings heraus, dass nur etwa die Hälfte der Vereine das Thema sexualisierte Gewalt als relevant einstuft.

Für Tzschoppe ist das ein Grund zu handeln: "Wir möchten, dass es ein Bewusstsein für die Problematik und Handlungskompetenz in jedem Sportverband und in jedem einzelnen Verein gibt. Um dies strikt durchzusetzen, knüpfen wir inzwischen unter anderem die Vergabe von Fördermitteln an Bedingungen: Im Spitzensport müssen die Verbände in einem Stufenmodell Standards zur Prävention von sexualisierter Gewalt umsetzen, um überhaupt Zuwendungen des Bundesinnenministeriums erhalten zu können", betont die DOSB-Vorständin. "Dabei ist es unser Anliegen, nicht vorrangig über finanziellen Druck oder Sanktionen zu agieren, sondern ein anderes Bewusstsein zu schaffen und auf dieser Basis einen Kulturwandel zu vollziehen."

Aktion "Starke Netze gegen Gewalt"

Ein Beispiel für das Engagement des DOSB gegen Gewalt im Sport ist die Aktion "Starke Netze gegen Gewalt". Sie bringt seit 12 Jahren Sportvereine mit anderen zivilgesellschaftlichen Akteurinnen und Akteuren auf lokaler Ebene zusammen – darunter Frauenhäuser, Opferhilfevereine, Kommunen oder freie Initiativen. Auch das Hilfetelefon "Gewalt gegen Frauen" gehört zum Partnernetzwerk der Initiative. "Sport ist ein soziales Handlungsfeld, in dem Gewalt auftreten kann, begünstigt etwa durch körperliche und emotionale Nähe, Hierarchien und Abhängigkeiten", sagt Tzschoppe. "Aber gerade Sport kann auch Schutz vor Gewalt bieten. Mit sportlicher Aktivität können Ängste abgebaut und Selbstvertrauen gestärkt werden."

Einer der vielen Vereine in ganz Deutschland, die an der Initiative "Starke Netze gegen Gewalt" teilnehmen, ist "Frauen in Bewegung" in Frankfurt am Main. "Bei uns findest Du einen geschützten Raum, in dem Du Deine Stärken – sowohl physische als auch mentale – entdecken, entwickeln und ausbauen kannst. Spaß am Training, Achtung voreinander und Lernen im eigenen Tempo ohne Leistungsdruck stehen bei uns im Vordergrund", beschreibt der Verein sein Angebot, das sich an Mädchen und Frauen richtet. "Alter, Herkunft, Religion, Größe, Gewicht, körperliche Behinderungen oder sexuelle Orientierung spielen bei uns keine Rolle." Im Rahmen der Initiative "Starke Netze gegen Gewalt" bietet der Verein für Interessierte regelmäßig Trainingsstunden in Taekwonmoodo und anderen Kampfkünsten an.

"Das Phänomen sexueller Gewalt wird in rein männlichen Strukturen nicht gesehen"

Die US-Amerikanerin Sunny Graff gründete "Frauen in Bewegung" mit Mitstreiterinnen 1985, als sie als Studentin in Frankfurt war. "Wir waren einer der ersten Vereine gezielt für Frauen in einer Zeit, als Kampfsport noch eine absolute Männerdomäne war", erinnert sich die mehrfache amerikanische Taekwondo-Meisterin und Weltmeisterin von 1979. "Es gab damals so großen Bedarf, dass wir lange Wartelisten mit Frauen hatten, die bei uns mitmachen wollten." In den vergangenen 35 Jahren hat Graff in Frankfurt zehntausende Schülerinnen und hunderte Lehrerinnen ausgebildet, die die Idee von "Frauen in Bewegung" weitergeben.

In ihrer Leistungssportzeit beobachtete Graff, wie stark viele Sportlerinnen von ihren Trainern abhängig waren. "Der Coach ist Gott. Du tust alles dafür, um zu seinen Lieblingen zu gehören", beschreibt Graff die Situation. "Wer den Mund aufmacht und etwas kritisiert, riskiert den Rauswurf aus der Mannschaft." Dieses Klima führe auch dazu, dass sexuelle Übergriffe oft verschwiegen würden. Noch immer sei die Sportwelt männlich dominiert, auch wenn sich manches zum Besseren entwickelt habe. "Es ist gut, dass zum Beispiel in den Vorständen der Sportverbände mittlerweile auch Frauen vertreten sind", sagt Graff. "Das Phänomen sexueller Gewalt wird in rein männlichen Strukturen nicht gesehen." Im Kampfsport gäbe es mittlerweile einen Markt für Frauen, da man sie als Kundinnen in den Sportstudios brauche.

"Als ich mit dem Kampfsport anfangen wollte, hat man mich als Frau nicht ernst genommen. Ich habe lange gebraucht, um überhaupt ein Angebot zu finden. Mittlerweile sind Frauen im Kampfsport überall willkommen."
 

Quellen:
Studie „Safe Sport“
www.dosb.de/sonderseiten/news/news-detail/news/sexualisierte-gewalt-im-sport/

Initiative "Starke Netze gegen Gewalt"
www.gleichstellung.dosb.de/themen/starke-netze-gegen-gewalt/

Verein Frauen in Bewegung:
www.fraueninbewegung.de/

Sportentwicklungsbericht:
www.dosb.de/sportentwicklung/sportentwicklungsbericht/

 

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