Hilfetelefon "Gewalt gegen Frauen"

03.05.2016

Während und nach dem Polizeieinsatz – Psychosoziale Unterstützung für gewaltbetroffene Frauen

Die Polizei Nordrhein-Westfalen bildet ihre Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter regelmäßig zum Thema Häusliche Gewalt fort. Das Hilfetelefon stellt bei diesen Seminaren sein Beratungsangebot vor und zeigt die Möglichkeiten der Zusammenarbeit auf.

"Alle Polizeikräfte sollen das Hilfetelefon kennen"

Es ist 2 Uhr morgens, die meisten Bewohnerinnen und Bewohner der gepflegten Reihenhaussiedlung schlafen bereits. Nur im gelben Eckhaus brennt noch Licht: Juliane P. sitzt am Küchentisch, ihr gegenüber eine junge Polizistin in Uniform. Das Gesicht der 37-jährigen Hausfrau ist verschwollen, an den Handgelenken zeichnen sich deutlich rote Flecken ab. "Ihr Mann darf in den nächsten zehn Tagen nicht in die Wohnung zurückkommen", sagt die Polizistin beruhigend. Sorgfältig erklärt die Beamtin, welche Rechte und Möglichkeiten Juliane als Betroffene von Häuslicher Gewalt hat. Am Schluss gibt sie ihr einen orangefarbenen Flyer: "Sie können jederzeit beim Hilfetelefon 'Gewalt gegen Frauen' anrufen", sagt die Polizistin. "Auch nachts. Die Beraterinnen beantworten Fragen zu allen Formen von Gewalt und überlegen mit Ihnen gemeinsam, was die nächsten Schritte sind."

 

Enge Verzahnung von Polizei und Hilfsorganisationen

"Häusliche Gewalt begegnet unseren Polizistinnen und Polizisten bedauerlicherweise regelmäßig im Einsatz", berichtet Kriminaloberkommissar Micha Aust von der Polizei Nordrhein-Westfalen. "Allein für das Jahr 2015 wurden über 26.000 Fälle in der polizeilichen Kriminalstatistik NRW registriert." Um die Polizistinnen und Polizisten gezielt für die damit verbundenen Anforderungen fortzubilden, bietet die nordrheinwestfälischen Polizei regelmäßig spezielle Seminare an. Fester Bestandteil der Schulungen: Die Vorstellung des Hilfetelefons "Gewalt gegen Frauen". Damit den Betroffenen schnell geholfen werden könne, sei eine gute Verzahnung von Polizei und weiteren kommunalen Partnern sowie Hilfsorganisationen wichtig, so Aust: "Der unverzügliche Schutz und schnelle Hilfe für die Gewaltbetroffenen haben für uns höchste Priorität." Denn anders als im Krimi gehört nicht nur das Ergreifen des Täters zu den Aufgaben der Polizei. Die Beamtinnen und Beamten sind auch wichtige Ansprechpartner und Lotsen für Betroffene von Häuslicher Gewalt. "Wir lassen niemanden in einer solchen, schwierigen Lebenssituation alleine – auch nicht nach dem Polizeieinsatz. Die Beteiligten, ob Opfer oder Zeugen eines solchen Vorfalles, werden über zivilrechtliche Schutzmöglichkeiten sowie Hilfs- und Beratungsmöglichkeiten informiert", erklärt Kriminaloberkommissar Aust.

 

Die Möglichkeiten der Zusammenarbeit mit dem Hilfetelefon bekannt machen

Regelmäßig stellen die Mitarbeiterinnen des Hilfetelefons das Beratungsangebot bei der Polizei vor. "Bei den Schulungen gehen wir auf konkrete Fälle ein und zeigen auf, welche Möglichkeiten der Zusammenarbeit es gibt", berichtet Silvia Knotte, Fachbereichsleiterin des Hilfetelefons für die Bereiche Häusliche Gewalt und Stalking. "Wenn beispielsweise eine Frau auf der Polizeiwache erscheint, die verstört ist und weint, aber kein Deutsch spricht, können die Polizeikräfte direkt beim Hilfetelefon anrufen". Nachdem die Polizistin oder der Polizist die Lage geschildert hat, kann die Beraterin mittels einer Konferenzschaltung innerhalb einer Minute eine Dolmetscherin hinzuschalten. So wird eine rasche psychosoziale Intervention gewährleistet – in 15 Sprachen, an 24 Stunden am Tag. "Unsere Aufgabe ist aber ausdrücklich die Beratung der Frau – nicht die Unterstützung der Ermittlungsarbeit", betont Silvia Knotte. Denn auch in der Zusammenarbeit mit der Polizei unterliegen die Beraterinnen der Schweigepflicht und geben das Besprochene oder Übersetzte nur mit dem Einverständnis der Frau an die Polizei weiter.

 

Beratung nach dem Einsatz

Wenn die Polizeikräfte nach einem Einsatz den Eindruck haben, dass eine gewaltbetroffene Frau Beratung oder weitere Hilfestellung benötigt, können sie diese zu einem Anruf beim Hilfetelefon ermutigen. "Wir halten schriftliche Unterlagen für die Betroffenen bereit. Das Landeskriminalamt NRW hat eine spezielle Broschüre für Betroffene entwickelt, in der unter anderem das Angebot des Hilfetelefons in 15 unterschiedlichen Sprachen vorgestellt wird", berichtet Kriminaloberkommissar Aust. Auch nach dem Einsatz sind gewaltbetroffene Frauen damit nicht auf sich allein gestellt. "Indem sie auf das Hilfetelefon verweisen, wissen die Polizistinnen und Polizisten, dass die Frau bei Bedarf eine empathische Ansprechpartnerin hat, die ihr zuhört und die sie ermutigen kann, die nächsten Schritte zu gehen – und dies rund um die Uhr an 365 Tagen im Jahr", so Silvia Knotte.
 
Das Beratungsangebot des Hilfetelefons steht darüber hinaus auch den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern der Polizei offen. Sie können Entlastungsgespräche führen oder spezifische Fragen rund um das Thema "Gewalt gegen Frauen" klären.

 

Bekanntheitsgrad bei der Polizei steigern

Die speziellen Fortbildungen für Polizeibeamtinnen und -beamte, die im Bereich Häusliche Gewalt tätig sind, halte ich für sehr sinnvoll", sagt Silvia Knotte. "Unser Ziel ist es, dass jeder und jede von ihnen die Angebote kennt, um von Gewalt betroffene Frauen optimal unterstützen zu können", so die Fachbereichsleiterin. Gemeinsam mit ihren Kolleginnen beim Hilfetelefon und dem Landesamt für Ausbildung, Fortbildung und Personalangelegenheiten der Polizei NRW arbeitet sie daran.

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