Hilfetelefon "Gewalt gegen Frauen"

19. April 2018

1.825 Tage und Nächte im Einsatz – Hilfetelefon-Leiterin Petra Söchting zieht positive Bilanz nach fünf Jahren Beratungsarbeit 

Fünf Jahre Hilfetelefon "Gewalt gegen Frauen": Das sind 1.825 Tage und Nächte oder 43.800 Stunden, an denen die 08000 116 016 durchgehend erreichbar war. Petra Söchting leitet das Hilfetelefon und ist seit der ersten Stunde dabei. Im Interview blickt sie auf die vergangenen fünf Jahre und die gemeisterten Herausforderungen zurück.

Gratulation zu fünf Jahren Hilfetelefon „Gewalt gegen Frauen“!: Wie fällt die Bilanz der ersten fünf Jahre aus?

Sehr positiv! Die Beratung des Hilfetelefons wird rund um die Uhr in Anspruch genommen, insbesondere dann, wenn andere Einrichtungen nicht zu erreichen sind. Mit steigender Bekanntheit nehmen auch die Kontaktzahlen immer weiter zu. Ich kann mit Überzeugung sagen, dass das Hilfetelefon sinnvoll das bestehende Unterstützungssystem ergänzt und eine Lücke schließt. Aus einigen Rückmeldungen von Nutzerinnen wissen wir auch, dass sie das Angebot als hilfreich, unterstützend und entlastend erleben.

 

Wie blicken Sie ganz persönlich auf die vergangenen fünf Jahre zurück?

Das Hilfetelefon entsprechend dem gesetzlichen Auftrag einzurichten und bedarfsorientiert weiterzuentwickeln, war und ist eine große Herausforderung. Es freut mich einfach, dass uns das so gut gelungen ist. In der Aufbauphase haben wir innerhalb sehr kurzer Zeit und mit großem Druck ein in dieser Form einmaliges Angebot auf die Beine gestellt. Der Start am 6. März 2013 war daher ein sehr aufregendes und positives Erlebnis. Danach mussten wir schauen, ob unsere Planungen aufgehen. Trifft das Hilfetelefon den Bedarf der Ratsuchenden? An welchen Stellen müssen wir noch nachsteuern? Diese Fragen treiben uns natürlich nach wie vor um.

 

Das Hilfetelefon wurde im März 2013 eingerichtet. Was hat sich seitdem verändert?

Viel! Im Jahr 2015 haben wir zum Beispiel den Sofort-Chat eingerichtet. Uns erreichten bis dahin eher wenige Anfragen über E-Mail und Termin-Chat. In beiden Fällen müssen Betroffene einen Benutzernamen und ein persönliches Kennwort festlegen. Das ist für viele eine große Hürde. Der Sofort-Chat funktioniert dagegen ganz niederschwellig; es ist keine Anmeldung mehr erforderlich. Außerdem arbeiten wir ständig an der Ausgestaltung und Aktualisierung unserer Wissens- und Adressdatenbank. Auch unser Sprachenangebot haben wir erweitert. Wir prüfen also kontinuierlich die Entwicklungen und überlegen, wie wir unser Angebot verbessern können.
 

Wo liegen die größten Herausforderungen in der Beratung gewaltbetroffener Frauen? Wo haben sich auch Grenzen gezeigt?

Betroffene melden sich aus ganz unterschiedlichen Gründen beim Hilfetelefon. Die Beraterinnen müssen sich auf die verschiedenen Anliegen einstellen und schnell einen guten Draht zu den Anrufenden aufbauen. Das ist eine besondere Herausforderung, denn anders als in der persönlichen Beratung haben sie nur das gesprochene Wort, und die Gespräche sind mitunter emotional sehr belastend. Rund um die Uhr zu beraten, ist an sich schon eine große Aufgabe, die unsere Beraterinnen Tag für Tag bewältigen. Auch der Umgang mit problematischen Kontakten, also Belästigungen oder Drohungen, ist nicht einfach. Grenzen gibt es natürlich auch. Schwierig wird es, wenn sich für Frauen vor Ort kein geeignetes Angebot findet, keine Plätze in Frauenhäusern verfügbar sind oder der Unterstützungsbedarf das Angebot des Hilfetelefons übersteigt.
 

Laut gesetzlichem Auftrag muss das Hilfetelefon "Gewalt gegen Frauen" rund um die Uhr erreichbar sein. Wie ist das zu schaffen?

Mit einer Schichtdienstplanung sorgen wir dafür, dass immer genügend Beraterinnen im Dienst sind. Auch die gesamte Technik muss rund um die Uhr funktionieren. Für Ausnahmesituationen haben wir ein Notfallsystem eingerichtet. Zwei Wochen nach Start des Hilfetelefons gab es beispielsweise einen Stromausfall in Köln. Die Beraterinnen hatten Handys und aufgeladene Laptops parat. Nur an Taschenlampen hatte damals noch keiner gedacht.
 

Ist es gelungen, das Hilfetelefon "Gewalt gegen Frauen" als einen wichtigen Baustein im Unterstützungssystem für Frauen zu verankern?

Ja, das ist aus meiner Sicht gelungen. Sehr wichtig war hierbei die Kooperation mit den Vernetzungsstellen, der Frauenhauskoordinierung, dem Dachverband der Interventionsstellen, dem bff: Frauen gegen Gewalt e. V., dem KOK gegen Menschenhandel und der Zentralen Informationsstelle Autonomer Frauenhäuser. Sie alle haben uns von Anfang an sehr dabei unterstützt, das Hilfetelefon im bestehenden System zu etablieren. Sie haben ihre Mitglieder über das Hilfetelefon informiert, für die Zusammenarbeit geworben oder, ganz praktisch, Adressen zugeliefert und Schulungen für die Beraterinnen durchgeführt. Auch die Einrichtungen vor Ort haben das Hilfetelefon positiv aufgenommen. Weitere wichtige Unterstützerinnen in diesem Kontext sind die kommunalen Gleichstellungs beauftragten, die sehr für das Hilfetelefon werben oder Aktionen zum Thema Gewalt gegen Frauen nutzen, um auch auf das Angebot aufmerksam zu machen.
 

Welche Rolle spielt hierbei der Beirat des Hilfetelefons?

Der Beirat hat uns von Anfang an sehr dabei geholfen, das Hilfetelefon gut in die Unterstützungslandschaft einzubetten. Er begleitet die Weiterentwicklung des Hilfetelefons auch fachlich. Ich erlebe die Beiratsmitglieder als sehr engagiert und an einer vertrauensvollen Zusammenarbeit interessiert, sodass es immer wieder gelingt, Schnittstellen zwischen Hilfetelefon und den Einrichtungen vor Ort zu optimieren. Der Beirat unterstützt uns aber vor allem auch dabei, spezielle Zielgruppen zu erreichen. Ich denke dabei z. B. an Frauen, die von Menschenhandel und Zwangsprostitution betroffen sind, oder auch an Frauen mit Behinderungen.
 

Ein Angebot wie das Hilfetelefon "Gewalt gegen Frauen" bundesweit bekannt zu machen, ist eine große Aufgabe. Wie kann dies gelingen?

Das Hilfetelefon bekannt zu machen und diese Bekanntheit zu erhalten, ist eine Daueraufgabe, die nur mithilfe vieler Partnerinnen und Partner gelingen kann. Einige habe ich schon genannt: angefangen beim Beirat und bei den Vernetzungsstellen über die Einrichtungen des Unterstützungssystems und die Gleichstellungsbeauftragten bis hin zu Unternehmen und Verbänden, mit denen wir schon kooperiert haben. Unverzichtbar sind natürlich auch die Medien. Durch Aktionen wie unsere jährliche Mitmachaktion versuchen wir zudem, jeder und jedem Einzelnen die Möglichkeit zu geben, auf das Hilfetelefon hinzuweisen.
 

Gewalt gegen Frauen ist noch immer ein gesellschaftliches Tabu. Das Hilfetelefon ruft mit Aktionen wie "Wir brechen das Schweigen" zu mehr Solidarität mit Betroffenen auf und stößt indirekt eine Debatte an. Rückt das Thema zunehmend in den Fokus der Öffentlichkeit?

Gewalt gegen Frauen ist und bleibt ein Thema, bei dem wir alle hinschauen und aktiv werden müssen. Es gilt, Position zu beziehen und deutliche Zeichen zu setzen. In der jüngeren Vergangenheit hat es einige positive Signale und Verbesserungen gegeben: die Änderungen im Sexualstrafrecht, die Anpassung des Stalking-Paragrafen, die öffentlichen Debatten zum Thema sexuelle Belästigung. Aber es bleibt dabei: Wir müssen uns einmischen, wenn uns Klischees und Vorurteile begegnen, die Gewalt verharmlosen oder rechtfertigen. Und wir müssen uns dafür einsetzen, dass Betroffene Hilfe und Unterstützung bekommen und Täter bestraft werden.
 

Was wünschen Sie sich für die Zukunft des Hilfetelefons?

Ich wünsche mir, dass es uns gelingt, die Bekanntheit des Hilfetelefons weiter zu steigern, sodass all jene, die uns brauchen, die Nummer und das Angebot kennen. Ich wünsche mir, dass wir das Angebot weiterentwickeln und verbessern können. Und ich wünsche mir natürlich, dass wir weiter in diesem sehr engagierten Team zusammenarbeiten. Ganz allgemein würde ich mich über noch mehr Unterstützung aus der Gesellschaft freuen, damit das Thema Gewalt gegen Frauen öffentlich wird und es Betroffenen leichter fällt, sich zu öffnen und sich Hilfe zu holen.

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