Hilfetelefon "Gewalt gegen Frauen"

21.09.2021

Die Dialogforen gegen Sexismus

Ob am Arbeitsplatz, in den Medien, im kulturellen Bereich, in der Öffentlichkeit, in der Werbung oder in der Politik: Sexismus ist in unserer Gesellschaft leider weit verbreitet. Menschen werden aufgrund ihres Geschlechts herabgewürdigt – insbesondere Frauen sind davon betroffen. Die Übergänge zu sexueller Belästigung und Gewalt sind dabei fließend. „Wir wollen Sexismus bekämpfen, Maßnahmen dagegen entwickeln und erfolgreiche Projekte fortführen“, heißt es deshalb im aktuellen Koalitionsvertrag der Bundesregierung.

Aktiv gegen Sexismus vorgehen

„Diesen Auftrag haben wir angenommen. Wir haben Dialogforen gegen Sexismus ins Leben gerufen und 30 Maßnahmen gegen Sexismus erarbeitet“, erklärt Stefanie Lohaus von der Europäischen Akademie für Frauen in Politik und Wirtschaft Berlin e. V. (EAF Berlin). Sie ist Projektleiterin der Initiative, die durch das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMFSFJ) gefördert wird. Von September 2020 bis April 2021 haben die Expertinnen und Experten der Dialogforen zunächst bestehendes Wissen und gute Praktiken gegen Sexismus zusammengetragen und dann im Rahmen von Workshops geclustert.

Die einzelnen Dialogforen führten sie mit zahlreichen Organisationen und Personen aus Wirtschaft, Politik, Medien, Kultur und Zivilgesellschaft durch. „Es war nicht schwer, Kooperationspartnerinnen und -partner für die Dialogforen zu finden. Wir hatten häufig das Gefühl, offene Türen einzurennen“, schildert Lohaus. Sexismus in der Arbeitswelt, in Kultur und Medien sowie im öffentlichen Raum bildeten die jeweiligen Schwerpunktthemen, da die Problematik in diesen Bereichen am häufigsten wahrgenommen wird. Das belegt die vom BMFSFJ veröffentlichte Studie „Sexismus im Alltag: Wahrnehmungen und Haltungen der deutschen Bevölkerung“ aus dem Jahr 2020.

Die Ergebnisse der Dialogforen haben die Expertinnen und Experten in einem strukturierten Leitfaden zusammengetragen, der als ausführliche Langversion bzw. kompakte Kurfassung unter www.dialogforen-gegen-sexismus.de zum Herunterladen bereitsteht. Interessierte können sich einen schnellen Überblick über Sexismus in unserer Gesellschaft verschaffen, rechtliche Grundlagen nachlesen und sich über dessen Auswirkungen informieren. Der Hauptfokus der Publikation liegt auf klaren Handlungsempfehlungen, erfolgreichen Praxisbeispielen und wirksamen Maßnahmen, an denen sich Betroffene, Arbeitgebende und auch Verantwortliche in Kultur und Öffentlichkeit orientieren können.

Hauptproblem: Arbeitsplatz

In den vergangenen Jahrzehnten wurden gerade im Berufsleben bereits viele Anstrengungen unternommen, um Sexismus zu bekämpfen. Laut Allgemeinem Gleichbehandlungsgesetz (AGG) sind Arbeitgebende grundsätzlich verpflichtet, ihre Beschäftigten vor sexueller Belästigung zu schützen. „Viele Arbeitgeber sind in den letzten Jahren bereits aktiv geworden“, meint Lohaus. Allerdings zeigte sich in den Dialogforen, dass gerade kleinere und mittlere Arbeitgebende häufig Nachholbedarf bei der Umsetzung geeigneter Maßnahmen hätten. Laut der angesprochenen Studie erleben 41 Prozent der Frauen gegenwärtig sexistisches Verhalten am Arbeits- oder Ausbildungsplatz und nach wie vor verhindert Sexismus, dass Frauen Führungspositionen übernehmen.

Im Rahmen der Initiative „Stärker als Gewalt“ stellt das BMFSFJ Arbeitgeberinnen und Arbeitgebern daher in einer bundesweiten Kampagne ein Aktionspaket bereit. Darin enthalten sind individualisierbare Vorlagen, Praxisbeispiele, Anregungen und Informationsmaterialien zur internen und externen Kommunikation und natürlich zur weiteren Verbreitung. Dazu gehört auch eine spezielle Handreichung, die die Expertinnen und Experten im Rahmen der Dialogforen entwickelt haben: „Gemeinsam gegen Sexismus und sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz“. All dies soll dabei unterstützen, Beschäftigte – insbesondere Frauen – in ihrem Arbeitsalltag im Büro, an der Kasse, in der Produktion oder in der Videoschalte besser vor Sexismus und sexueller Belästigung zu schützen. Ziel muss es sein, in allen Unternehmen und allen Branchen eine respektvolle Umgangskultur zu pflegen.

Sexismus in Kultur und Medien

Die #MeToo-Bewegung, deren Hashtag bereits im Jahr 2006 ins Leben gerufen wurde, ist aus der gesellschaftlichen Debatte nicht mehr wegzudenken. Sie hat weltweit den Blick auf Sexismus insbesondere in Kultur und Medien geschärft. Als Folge verabschiedete beispielsweise das EU-Parlament vor vier Jahren eine Resolution zur Aufklärung von Belästigung und sexuellen Übergriffen. Die Kultur- und Medienbranchen tragen bei der Bekämpfung von Sexismus eine ganz besondere Verantwortung, denn sie transportieren und multiplizieren Botschaften. Sie erzählen Geschichten, schaffen Bilder, die unsere Normen, Vorstellungen und Emotionen von Geschlechtern bewusst oder unbewusst prägen, und können dazu beitragen, historisch gewachsene Geschlechterstereotype zu überwinden. Wie dies gelingen kann, zeigt der vom BMFSFJ und der EAF Berlin erarbeitete Leitfaden auf.

Sicherheit und Wohlfühlen in der Öffentlichkeit

Sexismus im öffentlichen Raum kann sich in völlig unterschiedlichen Facetten äußern – ob sexistische Außenwerbung oder historisch gewachsene Stadt- und Verkehrsplanungen, die bis heute nicht auf die jeweiligen Geschlechterbedürfnisse ausgerichtet sind. Auch damit haben sich die Fachleute in den Dialogforen auseinandergesetzt. Laut einer repräsentativen Umfrage haben rund 36 Prozent der befragten Frauen bereits sexuelle Belästigung, Verfolgung und Bedrohung an öffentlichen Orten oder in öffentlichen Verkehrsmitteln erlebt. Jede zweite Frau fühlt sich auf der Straße unsicher. Aus Furcht vor sexueller Belästigung vermeiden viele sogenannte Angsträume, etwa unbeleuchtete Parkwege, einsame Unterführungen, bestimmte Straßen oder Haltestellten, bzw. verzichten bisweilen auf die Nutzung des öffentlichen Personennahverkehrs.

Sexistische Werbemaßnahmen hingegen, die mancherorts nach wie vor zu finden sind, stellen keinen Sicherheitsfaktor dar, aber sie schmälern das Wohlbefinden im öffentlichen Leben. Einige Städte und Kommunen haben deswegen bereits Beratungs- und Beschwerdestellen eingerichtet, an die sich Bürgerinnen und Bürger wenden können. Lohaus zieht ein gesellschaftliches Resümee: „In modernen Demokratien ist Sexismus nicht hinnehmbar.“ Die Politik kann als Gesetzgeber den rechtlichen Rahmen setzen, aber um sexistisches Denken und Stereotype langfristig aus Köpfen, Organisationen, Unternehmen und Institutionen zu verbannen, brauchen wir erheblich mehr Kraft: Jede und jeder Einzelne ist gefordert, bei Sexismus und sexueller Belästigung in unseren Strukturen hinzusehen und derartigem Verhalten entschieden entgegenzutreten.

www.dialogforen-gegen-sexismus.de

staerker-als-gewalt.de/gewalt-erkennen/sexuelle-belaestigung-am-arbeitsplatz-erkennen

staerker-als-gewalt.de/toolkit-arbeitgeberaktion

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