Hilfetelefon "Gewalt gegen Frauen"

29.06.2016

"Es ist schwer, in Kontakt mit Betroffenen von Menschenhandel zu kommen"

Interview mit Naile Tanis vom Koordinierungskreis gegen Menschenhandel (KOK e.V.)

Der Koordinierungskreis gegen Menschenhandel (KOK e.V.) engagiert sich auf regionaler, nationaler und internationaler Ebene für die Bekämpfung von Frauen-/Menschenhandel sowie für die Durchsetzung der Rechte Betroffener. Naile Tanis ist Geschäftsführerin des KOK e.V. und Mitglied im Beirat des Hilfetelefons "Gewalt gegen Frauen". Im Interview spricht sie über ihre Arbeit und den Herausforderungen bei der Beratung von Betroffenen.

Menschenhandel – ist das hier in Deutschland überhaupt ein Thema?

Ja – auch wenn wir nicht wissen, wie viele Personen in Deutschland tatsächlich von Menschenhandel betroffen sind. Wie auch in anderen Kriminalitätsfeldern gibt es hierzu keine verlässlichen Zahlen. Die einzigen bundesweiten Statistiken, die wir haben, sind die des Bundeskriminalamts (BKA). Diese spiegeln aber nur jene Fälle wider, die der Polizei bekannt werden. Das BKA selbst geht – insbesondere im Bereich des Menschenhandels zum Zweck der Arbeitsausbeutung – von einer hohen Dunkelziffer aus.
 

Worin liegen die Herausforderungen bei der Beratung von Betroffenen von Menschenhandel?

Die Vielschichtigkeit und Komplexität der unterschiedlichen Bereiche und Fragestellungen, die die Beratung von Betroffenen von Menschenhandel mit sich bringt, stellt die Fachberaterinnen immer wieder vor Herausforderungen. Manche Betroffene möchten so schnell wie möglich ins Heimatland zurückkehren und benötigen Hilfe bei der Rückkehr. Bei anderen stellen sich Fragen nach einer geschützten Unterbringung und einer Grundversorgung, nach medizinischer Versorgung oder nach psychologischer Betreuung. Wieder andere suchen eine Beratungsstelle auf, weil aufenthalts- oder sozialrechtliche Fragen geklärt werden müssen oder weil sie Unterstützung bei der Durchsetzung von Lohn- und Entschädigungsansprüchen oder im Strafverfahren benötigen. Die im KOK organisierten spezialisierten Fachberatungsstellen verfügen über ein sehr breites Angebot und helfen bei all diesen Fragen. Sie bieten niedrigschwellige, parteiische und mehrsprachige – wo immer möglich muttersprachliche – Unterstützung an und versuchen, die Lebenssituation der Betroffenen zu verbessern und sie bei der Durchsetzung ihrer Rechte zu stärken. 

Darüber hinaus erschweren auch rechtliche und strukturelle Faktoren die Beratungsarbeit, so zum Beispiel unzureichende Opferrechte oder bestehende Hindernisse bei der Geltendmachung von Entschädigung oder Lohn. Auch müssen die teilweise geringen finanziellen und personellen Kapazitäten der Unterstützungseinrichtungen als eine Herausforderung genannt werden. Dies schränkt ihre  Möglichkeiten deutlich ein – sowohl in der Unterstützung von Betroffenen als auch in der Sensibilisierungs- und Vernetzungsarbeit.
 

Wodurch wird die Kontaktaufnahme zu Betroffenen von Menschenhandel erschwert?

Zugang zu den Betroffenen zu erhalten, um ihnen Hilfe anzubieten, ist in der Tat nicht leicht. Zum einen ist es häufig schwierig, die Betroffenen überhaupt zu erreichen, um sie über die Unterstützungsangebote zu informieren. Hier ist beispielsweise aufsuchende Arbeit, wie Streetwork eine erfolgreiche Handlungsweise. Dies ist natürlich nicht überall möglich und gestaltet sich zum Beispiel in Privat- oder Diplomatenhaushalten oder in abgelegenen landwirtschaftlichen Betrieben schwierig. Zum anderen zeigen Erfahrungen aus der Praxis, dass es vielen Betroffenen schwerfällt, sich Dritten gegenüber zu öffnen – weil sie von Täterinnen und Täter bedroht oder unter Druck gesetzt werden, oder aufgrund von Scham. Ein Vertrauensverhältnis aufzubauen benötigt oft viel Zeit. Und natürlich können Betroffene wegen des Erlebten stark traumatisiert sein – auch das erschwert die Kontaktaufnahme.
 

Außenstehende haben oft wenig oder keinen Kontakt zu Betroffenen. Wie kann der Blick im Alltag geschärft werden?

Aus Sicht des KOK ist hier besonders die Sensibilisierung jener Berufsgruppen wichtig, die potenziell mit Betroffenen in Kontakt kommen. Ich denke da an medizinisches Personal, die Polizei, die Finanzkontrolle Schwarzarbeit, Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter von Ausländerbehörden, Jugendämtern oder des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge. Aber auch andere Beratungsstellen, zum Beispiel Migrationsfachdienste, sollten so weit sensibilisiert sein, dass sie mögliche Indikatoren erkennen und genauer hinschauen. Nicht zuletzt muss die Öffentlichkeit über das Thema informiert sein, damit in manchen Fällen genauer hingesehen und Kontakt mit spezialisierten Beratungsstellen aufgenommen wird. Im Bereich der sexuellen Ausbeutung ist auch eine Sensibilisierung der Freier sehr wichtig. Verstärkt müssen wir auch den Fokus auf Ausbeutungsformen legen, die bislang in Deutschland nicht strafrechtlich erfasst waren, wie zum Beispiel erzwungene Straftaten. Dass eine 16-Jährige einen gewalttätigen Überfall verübt, weil sie dazu gezwungen wurde, muss als Möglichkeit in Betracht gezogen werden.
 

Das Hilfetelefon "Gewalt gegen Frauen" berät auch zum Thema Menschenhandel. Wie profitieren Sie in Ihrer Arbeit von dem Angebot des Hilfetelefons?

Das Hilfetelefon hat durch seine wirksame Öffentlichkeitsarbeit stark auf Gewalt gegen Frauen, einschließlich Menschenhandel, aufmerksam gemacht und dazu beigetragen, das Thema in der öffentlichen Wahrnehmung zu stärken. Auch die Möglichkeit, außerhalb der Öffnungszeiten einer Fachberatungsstelle an die Rund-um-die-Uhr-Beratung des Hilfetelefons verweisen zu können, begrüßen wir. Zudem greifen die Fachberaterinnen gern auf das mehrsprachige Material des Hilfetelefons "Gewalt gegen Frauen" zurück.
 

Welche langfristigen Ziele verfolgen Sie mit Ihrem Verein bei der Bekämpfung von Menschenhandel?

Unser übergeordnetes Ziel ist es, dass möglichst wenige Personen Menschenhandel und Ausbeutung erleben müssen. Wir setzen uns dafür ein, dass Betroffenen ihre Rechte zuerkannt werden und dass sie unabhängig von ihrer Nationalität dieselbe Unterstützung bekommen. Wir streben die Verbesserung der Lebenssituation und Rechtslage der Betroffenen von Menschenhandel und der von Gewalt betroffenen Migrantinnen an. Ein weiteres Ziel ist die Umsetzung einer Frauen- und Menschenrechtsperspektive in Politik und Gesellschaft sowie die Stärkung der bestehenden Struktur der Fachberatungsstellen für Betroffene von Menschenhandel.

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