Hilfetelefon "Gewalt gegen Frauen"

14.06.2022

Frauen mit Behinderung brauchen mehr Selbstwertgefühl

Ein Interview mit der Sozialwissenschaftlerin Prof. Dr. Sandra Glammeier

Frau Prof. Glammeier, Frauen mit Behinderung sind in unserer Gesellschaft in besonderem Maß von Gewalt betroffen. Was sind die Gründe dafür?

Grundsätzlich sind die Ursachen für Gewalt gegen Frauen – ob mit oder ohne Behinderung – dieselben. Allerdings erhöht die zusätzliche Machtungleichheit im Kontext von Behinderung die Vulnerabilität.

Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler benutzen häufig den Begriff der Intersektionalität. Was ist darunter genau zu verstehen?

Intersektionalität rückt die Differenzlinien, die mit ungleichen Machtverhältnissen verbunden sind, in den Blick. Dazu zählen Geschlecht, Behinderung sowie nationale, ethnische und kulturelle Zugehörigkeiten. Die damit einhergehenden Diskriminierungen überschneiden sich und können sich wechselseitig beeinflussen. Einerseits verschärfen sich die Diskriminierungen dadurch, andererseits kommt es aber auch zu widersprüchlichen oder komplexeren Wechselwirkungen.

Könnten Sie das an einem Beispiel näher erläutern?

Differenzen verschärfen die Benachteiligungen nicht immer in die gleiche Richtung. Traditionelle Weiblichkeitskonstruktionen positionieren Frauen beispielsweise als sexuell begehrenswerte Objekte. Sie gehen mit Erwartungen an Frauen einher, sich für Männer schön und verführerisch zu machen. Kommen Frauen dem nicht ausreichend oder im Gegenteil zu sehr nach, werden sie durch Bezeichnungen wie Mannweib, graue Maus oder Hure abgewertet und teilweise mit Gewalt sanktioniert. Mit Behinderungskonstruktionen geht aber meist eine Entsexualisierung einher, das heißt, behinderten Mädchen und Frauen wird es eher abgesprochen, überhaupt begehrenswert zu sein.

Woher rühren die von Ihnen angesprochenen Machtungleichheiten?

Behinderung wird als Abweichung von der Norm der Leistungsfähigkeit konstruiert und abgewertet – das hält für viele Menschen die Illusion der eigenen Autonomie und Unverletzlichkeit aufrecht und scheint deren Privilegien zu sichern. Oft geht Behinderung auch mit geringeren sozioökonomischen Ressourcen und einer eingeschränkten gesellschaftlichen Teilhabe einher: weniger Einkommen, schlechtere Bildungs- und Berufschancen oder kleinerer Freundes- und Freundinnenkreis. Im Laufe ihres Lebens erfahren viele Frauen mit Behinderungen Abwertungen und Missachtungen, was ihr Selbstwertgefühl und die Widerstandskraft gegen Gewalt schwächen kann. Auch in ihrer Kindheit und Jugend erleben sie mehr Gewalt, was ebenfalls vulnerabel für Gewalt im Erwachsenenleben macht.

Was bedeutet das auf individueller Ebene?

Wer mit dem Gefühl aufwächst, von anderen abhängig zu sein, keine Anerkennung zu verdienen und für alles dankbar sein zu müssen, wird sich emotional bedürftig fühlen und sich schlechter gegen Gewalt auflehnen können. Mädchen und Frauen mit Behinderung fällt es auch teilweise schwer, die eigenen Grenzen wahrzunehmen und zu verteidigen, weil sie durch die Pflegebedürftigkeit Überschreitung von Intimitätsgrenzen gewohnt sind. All diese Aspekte plus eine teilweise eingeschränkte körperliche Wehrhaftigkeit werden von Tätern gezielt ausgenutzt. Darüber hinaus gibt es Barrieren bei der Hilfesuche: Bei manchen Frauen fehlen die sozialen Kontakte, andere machen die Erfahrung, dass ihnen nicht geglaubt wird oder sie nicht ernst genommen werden, und oftmals sind Unterstützungsangebote nicht niederschwellig und barrierefrei zugänglich. Besonders schwierig ist es für Frauen, die in Einrichtungen leben, weil hier besondere Abhängigkeiten und bislang noch wenig Schutzkonzepte vorliegen.

Weshalb ist ein intersektionaler Ansatz gerade beim Thema Gewalt gegen Frauen mit Behinderung oder Beeinträchtigung von Bedeutung?

Die Forschung zu Gewalt gegen Frauen ist immer differenzierter geworden und nimmt unterschiedliche Gewaltmuster und -kontexte sowie Vulnerabilitäten von Betroffenen in den Blick, etwa die von rassistisch diskreditierbaren oder behinderten Frauen. Dadurch lassen sich unterschiedliche Unterstützungsbedarfe und die Anforderungen an Prävention und Intervention weiterentwickeln.

Mit Blick auf diese Erkenntnisse: Wie können Frauen mit Behinderung besser vor Gewalt geschützt werden und wie kann Betroffenen nachhaltig geholfen werden?

Allem voran müssen strukturelle Ungleichheiten im Geschlechterverhältnis und im Hinblick auf Diskriminierungen von Menschen mit Behinderungen abgebaut werden. Und das muss mit Veränderungen der hierarchisch kulturellen Konstruktionen und der sozialen Normen einhergehen. Der Gewaltschutz sollte sich in erster Linie auf den Abbau von Täterschaft konzentrieren: Die achselzuckende, gesellschaftliche Duldung von Gewalt gegen Frauen muss verändert werden und Täter sind in die Verantwortung zu nehmen. In Institutionen und Wohneinrichtungen dürfen Schutzkonzepte nicht nur auf Papier festgeschrieben sein, sondern müssen in der Praxis etabliert und evaluiert werden. Gleichzeitig müssen die bestehenden Interventions- und Unterstützungsangebote mit Blick auf ihre Barrierefreiheit und Niedrigschwelligkeit weiterentwickelt werden. Dazu gehören mehr proaktive und aufsuchende Angebote, Beratung in leichter Sprache, in Deutscher Gebärdensprache sowie spezielle Hilfestellungen, wenn der gewalttätige Partner gleichzeitig die Pflege der Betroffenen leistet. Dafür werden natürlich mehr finanzielle und personelle Ressourcen gebraucht. Nicht zuletzt geht es darum, Mädchen und Frauen mit Behinderungen grundlegend in ihren Rechten und ihrem Selbstwertgefühl zu stärken.

www.hs-niederrhein.de/sozialwesen

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