Hilfetelefon "Gewalt gegen Frauen"

02.08.2016

Wenn Frauen mit Behinderung Gewalt erfahren

Wie Fachkräfte Frauen stärken und Gewalt vorbeugen können

Gewalt gegen Frauen mit Behinderungen findet im häuslichen Bereich statt, am Arbeitsplatz, in der Öffentlichkeit, aber auch in betreuten Einrichtungen. Insbesondere Fachkräfte und Unterstützende können als wichtige Vertrauens- und Bezugspersonen dazu beitragen, Gewalt gegen Frauen mit Behinderungen im Vorfeld zu verhindern. Die bundesweite Interessenvertretung behinderter Frauen Weibernetz e. V. hat hierfür eine Checklist zum Umgang mit (sexualisierter) Gewalt in der Behindertenpflege entwickelt.

Das bundesweite Hilfetelefon "Gewalt gegen Frauen": Ein Angebot auch für Frauen mit Behinderungen

Frauen mit Behinderung erleben zwei- bis dreimal häufiger sexualisierte Gewalt und doppelt so häufig körperliche Gewalt als der weibliche Bevölkerungsdurchschnitt. Zu diesem alarmierenden Ergebnis kam 2012 die Studie "Lebenssituation und Belastungen von Frauen mit Beeinträchtigungen und Behinderungen in Deutschland" der Universität Bielefeld im Auftrag des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend.
 
"Das Hilfetelefon richtet sich mit seinem barrierefreien Beratungsangebot ausdrücklich auch an Frauen mit Behinderungen oder Beeinträchtigungen", sagt Petra Söchting, die Leiterin des Hilfetelefons. Die Mitarbeiterinnen des Hilfetelefons sind speziell für die Beratung von Frauen mit Behinderungen geschult. So können zum Beispiel für Frauen mit Lernschwierigkeiten die Beratungen in "Leichter Sprache" geführt werden. Für hörbeeinträchtigte Menschen wird täglich von 8 bis 23 Uhr ein Gebärdensprachdolmetschdienst hinzugeschaltet. 
 

Anrufen, helfen: Das Hilfetelefon richtet sich auch an Fachkräfte 

Auch Fachkräften wie unter anderem und ehrenamtlichen Unterstützerinnen und Unterstützern in der Behindertenhilfe steht das Hilfetelefon mit Rat und Tat zur Seite. "Sie sind unsicher, ob in Ihrem Umfeld eine Frau von Gewalt betroffen ist? Sie wissen nicht, wie Sie dem Mädchen oder der Frau am besten helfen können? Sie haben einen Verdacht auf eine Gewalttat und möchten gerne die nächsten Schritte mit einer Fachkraft besprechen? Bei all diesen Fragen können Sie sich an das Hilfetelefon 'Gewalt gegen Frauen' wenden", so Petra Söchting.
 

Fachkräfte und Unterstützende sind wichtige Vertrauens- und Bezugspersonen

Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter können dazu beitragen, Gewalt gegen Frauen mit Behinderungen im Vorfeld zu verhindern. "Ein wichtiger Aspekt der Prävention ist es, dass Fachkräfte in der Behindertenpflege besonders sensibel für das Thema Gewalt sind und über die Entstehung von Gewalt, die Formen und den Umgang mit Gewalt gut Bescheid wissen", erklärt Martina Puschke. Die Expertin zum Thema Gewalt gegen behinderte Frauen beim Verband "Weibernetz e. V. – Politische Interessensvertretung behinderter Frauen" ist im Beirat des Hilfetelefons aktiv. Als Hilfestellung für Einrichtungen der Behindertenhilfe sowie für ambulante und teilstationäre Dienste hat sie einen Leitfaden zum Umgang mit (sexualisierter) Gewalt entwickelt. "Fachkräfte und Ehrenamtliche sollten sich dafür einsetzen, dass es in ihrem Arbeitsfeld klare Vorgaben zur Gewaltfreiheit, Leitlinien zum Umgang mit Gewalt sowie Ansprechpersonen im Gewaltfall gibt", so Martina Puschke. Auch rät sie, stets aufmerksam zu bleiben: "Die meisten Gewaltfälle werden von Tätern im nahen Umfeld verübt. Da darf es kein Tabu im Denken geben!"
 

Frauen stärken, Gewalt vorbeugen

Eine wichtige Aufgabe, um Gewalt im Vorfeld zu verhindern, sieht Martina Puschke darin, Mädchen und Frauen mit Behinderungen stark gegen Gewalt zu machen. "Selbstbehauptungs- und Selbstverteidigungskurse helfen ihnen, 'Nein!' zu sagen und ihre Grenzen wahrzunehmen und zu wahren." In Frauengruppen oder -gesprächskreisen können sich Frauen zudem austauschen, gegenseitig stärken oder überlegen, was in ihrer Umgebung verbessert werden muss, damit sie sich sicherer fühlen.
 

Auf erste Anzeichen achten, einem Verdacht nachgehen

Oft sind es die Heilerziehungspflegerinnen und -pfleger in der Behindertenpflege, die erste Anzeichen oder plötzliche Verhaltensveränderungen wahrnehmen. Dabei liegt die Herausforderung darin, dass jede Frau ein Gewalterlebnis anders verarbeitet. "Besonders auffällig sind zum Beispiel plötzliches Bettnässen, sozialer Rückzug, unsicheres Auftreten, Gereiztheit, häufige Traurigkeit, selbstverletzendes Verhalten oder Aggressivität", so Martina Puschke.
Bei einem Verdacht auf eine Gewalttat rät sie, keine Schritte über den Kopf der Frau hinweg zu unternehmen. "Beziehen Sie die Frau mit ein. Es ist von großer Bedeutung, die Frau ernst zu nehmen und ihr zugleich zu versichern, dass sie nicht 'schuld' ist. Nehmen Sie Kontakt zu einer Fachberatungsstelle gegen Gewalt oder den Beraterinnen des Hilfetelefons auf und besprechen Sie gemeinsam die nächsten Schritte."


So können Sie gewaltbetroffenen Frauen helfen:

  • Helfen Sie mit, das Selbstbewusstsein von Mädchen und Frauen zu stärken und sie stark gegen Gewalt zu machen.
  • Initiieren Sie Frauengesprächskreise, in denen über das Thema "Gewalt gegen Frauen" gesprochen wird.
  • Legen Sie Informationsmaterialien des Hilfetelefons "Gewalt gegen Frauen" aus. Sie können das Material kostenlos auf der Seite www.hilfetelefon.de bestellen.
  • Tragen Sie dazu bei, dass es klare Vorgaben und Leitlinien zum Umgang mit Gewalt sowie Ansprechpersonen im Gewaltfall gibt.
  • Achten Sie auf Verhaltensänderungen, sie können ein Zeichen für Gewalterfahrungen sein!
  • Suchen Sie sich bei einem Verdachtsfall Rat und Hilfe beim Hilfetelefon "Gewalt gegen Frauen" unter 08000 116 016.

Die Checkliste des Weibernetzes e. V. zum Erstellen eines Leitfadens zum Umgang mit (sexualisierter) Gewalt ist zu finden unter: http://www.weibernetz.de/checkliste_Leitfaden_Gewaltschutz.pdf

 

Info: Über Weibernetz e. V. 

Der Verein Weibernetz e. V. ist das Bundesnetzwerk von Frauen, Lesben und Mädchen mit Beeinträchtigung. Er bildet seit 1998 das Dach der Landesnetzwerke und Koordinierungsstellen behinderter Frauen. Als bundesweite Selbstvertretungsorganisation von und für Frauen mit unterschiedlichen Beeinträchtigungen fungiert Weibernetz e. V. als politische Interessenvertretung behinderter Frauen. Weibernetz e. V. arbeitet frauenparteilich, behinderungsübergreifend und unabhängig.

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